Mittwoch, 26. Januar 2011

Zum Interview mit Carsten Schloter

In der Handelszeitung (Ausgabe vom 20. Januar 2011) ist ein langes Interview mit dem Swisscom-Chef Carsten Schloter erschienen. Dieses Interview ist auch online abrufbar.

Ich erlaube mir, Aussagen von Carsten Schloter hier kritisch zu hinterfragen.
Carsten Schloter sagt, dass sich das Datenvolumen im letzten Jahr vervierfacht hat. Der Preis pro Megabyte hat sich dagegen halbiert.
Dies bedeutet jedoch auch, dass sich der Umsatz mit Datendienstleistungen verdoppelt hat. Meiner Ansicht nach sind die Konditionen für die mobile Internetnutzung in der Schweiz auf einem einigermassen fairen Niveau (anders als bei den Kosten für Abos und Gespräche).

Der Hauptgrund dürfte sein, dass die Kunden nicht bereit gewesen sind, für das mobile Internet horrend hohe Preise zu bezahlen und deshalb mussten die Anbieter interessantere Pakete lancieren.
Carsten Schloter sagt, dass es aufgrund des stärker ausgelasteten Netzes in Zukunft nicht mehr Pannen geben wird. Er ist überzeugt, dass es Swisscom schaffen wird, die Verfügbarkeit der Netze zu erhöhen.
Ich bezweifle sehr, ob dies gelingen wird. Denn je stärker ein Netz ausgelastet ist und je komplexer die Systeme werden, desto eher sind Probleme möglich. Und es dürfte daher auch in Zukunft Pannen geben. Die Häufung der Pannen bei Swisscom sollte Carsten Schloter zu denken geben.
Carsten Schloter kündigt an, dass es unterschiedliche Klassen von Angeboten geben wird und je höher der Preis, desto höher die Sicherheit. Er ist überzeugt, dass die Kunden bereit sind, dafür mehr zu bezahlen. Er ist überzeugt, dass dies eine gerechtere Preisgestaltung erlaubt.
Ich bin sehr skeptisch. Es sieht mir nach einem verzweifelten Versuch aus, mehr Einnahmen zu generieren. Es dürfte beim Mobilfunknetz allerdings schwierig werden, bei einer Panne im Mobilfunknetz dafür zu sorgen, dass die Kunden, die mehr bezahlen von der Panne verschont bleiben. Der Aufschlag für die schnellere Geschwindigkeit ist derzeit meiner Meinung nach noch viel zu hoch. Wenn man 10 oder 20 Franken pro Monat bezahlen könnte, um dafür einen privilegierten Zugang ins mobile Internet zu kommen, dann finde ich es sinnvoll.

Die Strategie, nur den Kunden, die mehr bezahlen eine schnellere Geschwindigkeit anzubieten, finde ich jedoch unpassend. Denn in den meisten Fällen würde die Geschwindigkeit für alle Kunden ausreichen. Nur an viel besuchten Orten zu bestimmten Zeiten dürfte die Geschwindigkeit nicht mehr ausreichen. In diesem Fall könnte man Premium-Kunden bevorzugen und Ihnen einen schnelleren Netzzugang anbieten.

Ich halte eine solche Preisgestaltung nicht für gerechtfertigt. Swisscom hofft wohl darauf, von einigen Kunden noch Zusatzeinnahmen zu erhalten und damit die Marge zu erhöhen.
Carsten Schloter sagt, dass das mobile Telefonieren im Ausland immer einen Aufpreis haben wird und sich die Wunschvorstellung, dass die Roaming-Gebühren total verschwinden werden, nicht durchsetzen wird. Er begründet dies damit, dass es teuer ist, ein Mobilfunknetz aufzubauen und zu betreiben. Ohne Roaminggebühren könnte ein Unternehmen aus einem kleinen Land plötzlich seine Angebote überall in Europa verkaufen und müsste sich nicht am Netzausbau beteiligen, argumentiert Carsten Schloter.
Zuerst: Telefonieren im Ausland wird immer etwas teurer sein. Da bin ich gleicher Meinung wie Carsten Schloter. Ich bin jedoch der Meinung, dass es sich nur um ein paar Rappen pro Tag handeln dürfte. Es würde also reichen, wenn man z.B. pro Tag, der der Kunde im Ausland ist, eine Gebühr von 20 Rappen verrechnen würde um die durch Roaming verursachten Kosten abdecken zu können.

Natürlich würde die Abschaffung der Roaminggebühren nicht heissen, dass sich der Anbieter nicht am Netzausbau beteiligen würde und das Netz kostenlos nutzen kann, wie Carsten Schloter suggeriert. Am sinnvollsten wäre es, sich Interkonnektionsgebühren zu verrechnen, am einfachsten in Höhe der Terminierungsgebühren. Damit würden sich die Anbieter entsprechend ihrer Nutzung auch am Netzausbau beteiligen. In vielen Ländern – so auch in der Schweiz – dürfte der Netzanbieter mit dieser Vermietung damit sogar richtig gut verdienen. Dadurch dass ein Kunde, der sich im Ausland aufhält in der Schweiz keine Kosten für die Netznutzung verursacht und die Interkonnektionsgebühren im Ausland eher niedriger sind, ist auch nicht einzusehen, weshalb die Kunden mehr bezahlen müssen, wenn Sie eine Antenne in Berlin statt in Bern benutzen.

Ausserdem wäre ein Wettbewerb, bei dem ausländische Anbieter einfacher im Schweizer Markt auftreten könnten, interessant und dürfte zu mehr Wettbewerb und attraktiveren Angeboten führen. Dies könnte dann auch bedeuten, dass Traummargen wie sie Swisscom kennt, der Vergangenheit angehören würde. Es wäre dann wohl nicht mehr möglich, eine Dienstleistung für nur etwa 9 Rappen einzukaufen und dann für hohe 60 Rappen zu verkaufen (heutige Situation bei Anrufen auf Fremdnetze).

Die Aussagen von Carsten Schloter, dass es komplex ist, einen Anruf ins Ausland umzuleiten, kann ich nicht nachvollziehen. Es ist standardisiert und läuft voll digital. Ich sehe nicht ein, weshalb es komplexer ist, ein Anruf von Bern nach Berlin zu leiten statt von Bern ins Goms.

Was denken Sie zu den Aussagen von Carsten Schloter und meinen Einschätzungen. Schreiben Sie mir in den Kommentaren Ihre Meinung dazu.

Liebe Grüsse



Ralf Beyeler
Telecom-Experte von comparis.ch

Kommentare:

sttru hat gesagt…

Zitat Carsten Schloter: "Wenn einer unserer Kunden auf einem fremden Netz telefoniert, zum Beispiel in Frankreich, dann entsteht die Wertschöpfung hauptsächlich dort. Unsere Marge ist relativ gering."
In Frankreich kostet ein Anruf -.85/min. Also entweder kann die Swisscom nicht verhandeln (wieso sollte die Minute so signifikant teurer sein für die Swisscom als die Interkonnektionsgebühren für das entsprechende Netz) oder Carsten Schloter hat hier eine Falschausgabe gemacht (mit relativ gering nehme ich an, man verdient weniger als der Konzerndurchschnitt, ca 30% des Umsatzes!). Das gilt im Prinzip auch für die anderen 2 Anbieter, bloss kann ich die an keiner Aussage aufhängen (bis jetzt...).

Ich würde sehr gerne die offenen Zahlen sehen, was da tatsächlich an Geldern fliesst, wenn man im Ausand mit dem Handy telefoniert.

Ralf Beyeler hat gesagt…

Ja, allerdings. Es gibt keinen vernünftigen Grund, wesentlich mehr als die Interkonnektionspreise zu bezahlen. Und in der Schweiz berechnen die Anbieter die Interkonnektionsgebühren (für Anrufe auf Handys) ja nach freiem Ermessen. Ich bin überzeugt, da ist noch viel Spielraum vorhanden. In Deutschland soll die Interkonnektion auf Handys auf etwa 3.3 Eurocent gesenkt werden. Das wären dann um die 5 Rappen pro Minute (mal mit einem eher langfristigen Eurokurs gerechnet, im Moment natürlich weniger).

Ich glaube allerdings tatsächlich, dass die Anbieter sich gegenseitig zu hohe Preise verrechnen, weil sie dann direkt auch davon profitiern können (sie kaufen und verkaufen Minuten und es ist bis zu einem gewissen Grad ein Nullsummenspiel). Insbesondere Sunrise und Orange dürften ein grosses Interesse an hohen Roaminggebühren haben, weil sie meiner Einschätzung nach mehr Minuten an ausländische Anbieter verkaufen als sie im Ausland einkaufen.

Liebe Grüsse



Ralf Beyeler

Ltrix.de hat gesagt…

Tja, ich komm aus Deutschland und war 2 tage in Zürich, ich habe nicht telefoniet, lediglich griff mein Android mehrmals ins Netz.....
laut Rechnung meines Providers wurden ca. 18MB Daten abgerufen....
Das ganze kostet mich jetzt 365.- Euro... das finde ich nicht korrekt.
Da sollte wirklich mal was getan werden!